FemTech- Was ist das und wofür ist das gut?

FemTech- Was ist das und wofür ist das gut?

Frauen und die Gesundheit:

Alle Geschlechter weisen gesundheitliche Besonderheiten auf. Es gibt spezielle Erkrankungen, die ausschließlich Frauen oder ausschließlich Männer oder andere Geschlechter betreffen und auch nur in bestimmten Lebensabschnitten wie Schwangerschaft, Pubertät oder Wechseljahren auftreten. In Deutschland leben beispielsweise über 45 Millionen Frauen, die sich in Alter, Bildung, Familienform, Berufstätigkeit, Einkommen, kultureller Hintergrund und sehr vielen weiteren Aspekten unterscheiden. Erfreulicherweise steigt in Deutschland ihre Lebenserwartung seit Jahrzehnten an und liegt derzeit bei 83 Jahren – fünf Jahre höher als bei Männern. Dies liegt unter anderem daran, dass sich Frauen im Vergleich zu Männern oftmals gesundheitsbewusster verhalten. Sie sind in den Privathaushalten demnach auch zu 90 % für alle Gesundheitsfragen zuständig. Neben einem hohen Lebensalter ist jedoch auch wichtig, längst möglich gesund zu leben und eine hohe Lebensqualität zu haben. Diesbezüglich ist es bei 75 % der Frauen wahrscheinlicher, dass sie digitale Tools zur Verfolgung ihrer Gesundheitsdaten nutzen als Männer.Eine spezielle Unterstützung – bspw. in Form von FemTech-Produkten – kann hier zu einer Verbesserung von Frauen- und Familiengesundheit beitragen. Die Nachfrage steigt stetig, denn die weibliche „Stimme“ wird immer einflussreicher und bedeutender.

FemTech ist kein Nischenmarkt:

Obwohl Frauen mind. 50 % der Weltbevölkerung ausmachen und wie oben beschrieben in Gesundheitsthemen und der mitführenden Verantwortung eine große Relevanz darstellen, äußern sich Ihre Bedürfnisse (noch) nicht ausreichend in der Forschung. So ist der männliche Körper viel besser erforscht als der weibliche und gilt trotz unterschiedlicher körperlicher Vorgänge auch bei Medikamentenprüfungen als Referenz. Die Menstruation und die Menopause wurden jahrelang zum Beispiel auch gar nicht untersucht und im öffentlichen Diskurs aufgegriffen. Die Plazenta ist mitunter auch das am wenigsten erforschte Organ, obwohl es eine essentielle Rolle in der pränatalen Entwicklung spielt. Experten sprechen diesbezüglich von einer Geschlechterdatenlücke (gender data gap).

Doch warum ist das so?  Frauen wurden beispielsweise bis vor kurzem bei Arzneimittelprüfungen außen vorgelassen, da befürchtet wurde, dass der weibliche Menstruationszyklus die Ergebnisse verfälschen könnte, obwohl es durchaus wichtig ist zu wissen, wie unterschiedlich Medikamente bei Frau und Mann wirken.So gibt es nicht mal ordentliche Durchschnittswerte für die Größe an Vulvas, Schamlippen, Brustwarzen oder -vorhöfen, aber überdurchschnittlich viele Ergebnisse zur Penislänge.

Daher ist es umso schöner zu sehen, dass es einen Wandel in der Gesellschaft hin zur FemTech und dem Bruch mit alten Mustern des Gesundheitssektors gibt. Den Begriff und die (vorrangig digitalen) Produkte für die weibliche Gesundheit gibt es erst seit kurzem. Ida Tin, die Gründerin von Clue (Zyklusapp), führte diesen Begriff für ein besseres Verständnis in Verhandlungsgesprächen erst 2016 ein. Denn für viele Männer ist das Thema Frauengesundheit bis heute noch mit Tabus belegt und mit negativ konnotierten Begriffen verknüpft. „Die Periode ist eklig“ und „menopausale Frauen sind alt und kein Sinnbild einer attraktiven Frau mehr“. Durch immer mehr Produkte und innovative Techniken, die von den potentiellen aktiven Nutzerinnen selbst entworfen werden, wie z.B. Elvie – dem intelligenten Beckenbodentrainer oder der tragbaren Milchpumpe, Ava – dem Fruchtbarkeitsarmband/-app oder Andelie – dem Temperaturgadget gegen Hitzewallungen oder allgemein thermischen Wohlbefinden, wird die Aufmerksamkeit auf die genannte Problematik (Menstruation, Fruchtbarkeit, Wechseljahre, sexuelles Wohlbefinden) gelenkt, enttabuisiert und aufgeklärt. Die Produkte treffen mit Hilfe von Algorithmen oftmals Voraussagen und können so präventiv Empfehlungen formulieren. Diskurse werden angeregt, typisch weibliche Gesundheitsprobleme entstigmatisiert und der weibliche Körper wird immer besser verstanden, sodass die notwendigen Fakten nachgeliefert werden können. So spendet Ava beispielsweise 20 % des Erlöses an die Frauengesundheitsforschung.

Zukunft der Frauenheilkunde:

Die technische Revolution, Emanzipation der Frau sowie der Trend zu immer mehr individualisierten medizinischen Behandlungsmethoden spielen im FemTech-Markt begleitende wichtige Rollen. Zusätzlich zum Trend bzw. der „Revolution“ FemTech gibt es einen Wandel in den Bedürfnissen der Frauen. Durch das fehlende Vertrauen in die gesundheitlichen Grundlagen der Pharmaindustrie und vielen negativen Nebenwirkungen hormoneller Behandlungsmethoden, wie z.B. der Pille als Verhütungsmittel oder der Hormonersatztherapie bei Wechseljahresbeschwerden gibt es eine immer größer werdende Bewegung der „Anti-Hormonlerinnen“. Das Unternehmen FemnaHealth ist diesbezüglich (im Sinne des ganzheitlichen Ansatzes) das Vorbild in Deutschland. Und auch Pharmakonzerne denken diesbezüglich um. So hat Bayer 2019 zum Beispiel das nichthormonelle Mittel gegen Hitzewallungen von Kandy Therapeutics aufgekauft. Digitale Anwendungen, wie Fruchtbarkeits-Apps oder gekoppelte Hardware wie der Beckenbodentrainer oder mobile Kühlungsgadgets gegen Hitzewallungen, steigen. Der ganzheitliche Ansatz ist den Frauen immer wichtiger – keine angebliche Wunderpille, die von heute auf morgen die Symptome lindert, sondern ein Erforschen der Ursache und Erarbeiten eines individuellen und nachhaltigen Weges ohne Nebenwirkungen hat die oberste Priorität. Natürlich erfolgt solch eine Neuausrichtung der Kultur nicht über Nacht, aber anhand der steigenden Produktpalette und Diskurse ist eine positive Entwicklung erkennbar. Diese Ausrichtung im Gesundheitssektor wird auch in Zukunft zunehmend verfolgt werden. Dies zeigt sich an den steigenden rezeptfreien und pflanzlichen Alternativen als Behandlungsmethoden in den Wechseljahren und an der Zunahme an Wechseljahresberaterinnen oder Heilpraktiker:innen. Ebenso bietet FemTech die Möglichkeit mit kostengünstigen und effektiven Screening-Programmen, z.B. in Appform, bestimmte Erkrankungen (wie z.B. Brustkrebs) schnell zu diagnostizieren. Auf internationaler Ebene gesehen ergibt sich so das Potential Frauen in Entwicklungsländern kosteneffizient und schnell zu behandeln, damit diese nicht aus dem Berufsleben ausscheiden und finanziell abhängig vom Mann leben müssen.

Quellen:

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